Wichtige Unterstützung für Sexarbeitende im ländlichen Münsterland

Sexarbeit ist auch im ländlichen Raum Teil des gesellschaftlichen Lebens – und dennoch bleibt sie dort oft unsichtbar. Fehlende Anlaufstellen, weite Wege und die Angst vor Stigmatisierung erschweren vielen Sexarbeitenden den Zugang zu Unterstützung. Gerade in Regionen abseits der Städte ist der Bedarf an verlässlicher, parteilicher und vorurteilsfreier Begleitung besonders hoch. TAMAR Münsterland, die in Trägerschaft der Evangelische Frauenhilfe in Westfalen (EFHiW) ist, setzt genau hier an. Sie stärkt seit Jahren die Rechte von Sexarbeiter*innen, indem die Beratungsstelle Räume für Orientierung, Sicherheit und Selbstbestimmung schafft.

Viele der Frauen, die der Beratungsstelle begegnen, arbeiten verdeckt, häufig ohne soziales Netz und unter belastenden Bedingungen. Die Beraterinnen begegnen ihnen mit Respekt und Offenheit. „Eine akzeptierende Grundhaltung ist die Basis jeder vertrauensvollen Beratung“, betont eine Mitarbeiterin. Die Angebote orientieren sich konsequent an den individuellen Lebensrealitäten der Sexarbeitenden – unabhängig davon, ob es um psychosoziale Krisen, gesundheitliche Fragen, Behördenkontakte oder berufliche Perspektiven geht.

Im Jahr 2025 wurden 195 Sexarbeiter*innen durch die aufsuchende Arbeit erreicht, darunter 163 Erstkontakte. Die meisten Frauen kamen aus EU-Staaten, vor allem aus Rumänien, Bulgarien und Polen. Die mobile Arbeit an 20 Prostitutionsorten – von Saunaclubs über Wohnungen bis hin zu Parkplätzen – bleibt ein zentrales Element, um Frauen überhaupt zu erreichen. Allein im Kreis Steinfurt wurden 68 Frauen angetroffen, im Kreis Borken 55 und im Kreis Coesfeld 72.

Wie wichtig diese Unterstützung ist, zeigt Finjas Geschichte. Die heute 38-Jährige kam nach Jahren häuslicher Gewalt nach Deutschland und arbeitete in Saunaclubs, wo sie auch lebte. Als sie TAMAR kennenlernte, war sie körperlich und psychisch erschöpft und wünschte sich einen Ausstieg. Mit Hilfe der Beraterinnen fand sie eine Wohnung, begann eine Ausbildung zur Gärtnerin und erhielt psychologische Unterstützung. Heute hat sie ihren Abschluss in der Tasche und sagt: „Zum ersten Mal in meinem Leben fühle ich mich wirklich frei.“

Die psychosoziale Beratung und Krisenintervention bildeten 2025 den größten Arbeitsbereich: 121 Fälle im Kreis Coesfeld, 97 im Kreis Steinfurt und 116 im Kreis Borken. Ergänzend begleiteten die Mitarbeiterinnen Frauen zu Ärzt*innen, Krankenhäusern, Behörden, Jobcentern, Steuerberatungen oder Anwält*innen. 126 Klientinnen wurden intensiv betreut, 32 von ihnen befinden sich in einem beruflichen Neuorientierungsprozess – oft ein Weg über Monate oder Jahre. „Vertrauen entsteht durch Zeit, Verlässlichkeit und echte Begegnung“, beschreibt eine Beraterin die Grundlage dieser Arbeit.

Neben der individuellen Unterstützung leistet TAMAR Münsterland wichtige Aufklärungsarbeit: durch Vorträge, Fachbeiträge, Medieninterviews und die Zusammenarbeit mit Verwaltung, Politik und Zivilgesellschaft. So trägt die Beratungsstelle dazu bei, Vorurteile abzubauen und die Lebensrealitäten von Sexarbeitenden sichtbar zu machen – ein unverzichtbarer Beitrag für mehr Gerechtigkeit und Teilhabe im ländlichen Raum.

Die Prostituierten- und Ausstiegsberatungsstelle TAMAR ist für die Kreise Steinfurt, Borken und Coesfeld zuständig.

Weitere Informationen

Weiteres unter www.tamar-hilfe.de