Schutzraum für Sexarbeitende unverzichtbar und doch gefährdet

Sexarbeit ist auch in Südwestfalen Realität – oft verborgen, selten sichtbar und dennoch fest im gesellschaftlichen Alltag verankert. Seit mehr als elf Jahren bietet TAMAR Südwestfalen in den kommunalen Kreisen und in der Stadt Hamm Frauen in der Sexarbeit fachliche Unterstützung, Orientierung und Schutz. In einer überwiegend ländlich geprägten Region, in der Beratungsangebote lange Zeit kaum vorhanden waren, hat sich die Beratungsstelle als verlässliche und spezialisierte Anlaufstelle etabliert. Die kontinuierliche Finanzierung durch die Kreise Olpe und Soest sowie seit 2023 wieder durch die Stadt Hamm zeigt die regionale Wertschätzung dieser Arbeit.

Umso schwerer wiegt die Entscheidung des Kreistags Siegen Wittgenstein, die Förderung zum Jahresende 2025 einzustellen – ein Einschnitt nach elf erfolgreichen Jahren. Die Trägerin, die Evangelische Frauenhilfe in Westfalen, setzt sich entschieden für eine Rücknahme dieser Entscheidung ein, damit Sexarbeiter*innen nicht ohne professionelle Unterstützung bleiben.

Sexarbeit im ländlichen Raum ist häufig geprägt von Isolation, Stigmatisierung und verdeckten Lebensrealitäten. Viele Frauen führen ein Doppelleben, aus Angst vor Ausgrenzung oder dem Verlust sozialer Beziehungen. „Gerade unter diesen Bedingungen braucht es ein niedrigschwelliges, dauerhaft verfügbares Beratungsangebot“, betont eine Beraterin. TAMAR Südwestfalen tritt für die Rechte von Sexarbeitenden ein und unterstützt sie in ihrem Anspruch auf ein selbstbestimmtes, diskriminierungsfreies Leben und Arbeiten.

Im Jahr 2025 erreichte die aufsuchende Arbeit 296 Sexarbeiter*innen, darunter 223 Erstkontakte. Besonders viele Frauen wurden im Kreis Soest (115) und im Kreis Siegen Wittgenstein (95) angetroffen. Die Mehrheit der Frauen stammt aus EU-Ländern, viele arbeiten unter prekären Bedingungen und ohne stabiles soziales Netz. 192 Klientinnen wurden intensiv begleitet, 36 von ihnen befanden sich in einem beruflichen Veränderungsprozess – ein Weg, der oft Monate oder Jahre dauert.

Wie bedeutsam diese Unterstützung ist, zeigt Lydias Geschichte. Die 38-jährige, alleinerziehende Mutter eines Kindes mit Beeinträchtigung, arbeitete seit rund zehn Jahren in Deutschland in der Sexarbeit. Als die Tätigkeit zunehmend körperlich belastend wurde, wünschte sie sich eine berufliche Neuorientierung. Die Beratungsstelle unterstützte sie bei der Anerkennung ihrer Ausbildung, begleitete sie zu Behörden und stellte Kontakte zu Frühförderstellen und Ärzt*innen her. Aufgrund von Stigmatisierungsängsten entschied sich Lydia für einen Neuanfang in einer anderen Stadt. Heute lebt sie mit ihrem Kind in einer eigenen Wohnung, ihr Abschluss wurde anerkannt und sie arbeitet außerhalb der Sexarbeit. „Der Neuanfang war befreiend“, beschreibt sie ihre Situation.

Die psychosoziale Beratung und Krisenintervention bildeten 2025 den Schwerpunkt der Arbeit: Eine ratsuchende Frau benötigt manches Mal mehrfach Rat oder Unterstützung.423 Beratungen dazu im Kreis Soest, 128 im Kreis Siegen Wittgenstein, 124 in Hamm und 58 im Kreis Olpe. Ergänzend unterstützte die Beratungsstelle TAMAR bei gesundheitlichen Anliegen, Anmeldungen nach dem Prostituiertenschutzgesetz, Behördenkontakten und der Vermittlung an andere Fachstellen.

Auch auf bundespolitischer Ebene war TAMAR Südwestfalen aktiv: Als Schnittstelle zum Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen beteiligte sich die Beratungsstelle an der Evaluation des Prostituiertenschutzgesetzes. Die Ergebnisse zeigen deutlich, wie heterogen die Lebenslagen von Sexarbeitenden sind – und wie unverzichtbar unabhängige, vertrauliche Beratungsangebote bleiben. „Die Bedarfe sind vielfältig. Beratung muss erreichbar, verlässlich und differenziert sein“, fasst eine Mitarbeiterin zusammen. TAMAR Südwestfalen leistet damit einen zentralen Beitrag zu Schutz, Teilhabe und Selbstbestimmung – gerade in einer Region, in der Sexarbeit oft unsichtbar bleibt.

Die Prostituierten- und Ausstiegsberatungsstelle TAMAR ist 2026 für die Kreise Olpe und Soest sowie für die Stadt Hamm zuständig.

Weitere Informationen

Weiteres unter www.tamar-hilfe.de